Von Messen zu Ideen: Warum Hannover schon immer ein Land der Experimente war
Hannover hat etwas Bodenständiges. Und trotzdem traut sich die Stadt seit Jahrzehnten Dinge, die anderswo als zu groß, zu gewagt oder zu früh gelten. Wer hier über Hallen, Hochschulen und Werkbänke spricht, meint nicht nur Beton und Maschinen. Gemeint ist eine Haltung: ausprobieren, zeigen, verbessern. Auf dem Messegelände. In Laboren. In Werkshallen. Und in Köpfen, die nie ganz zufrieden sind.
Die heutige HANNOVER MESSE ist dafür das sichtbarste Symbol. Aus einer improvisierten Exportmesse im Jahr 1947 wurde in kurzer Zeit ein Motor des Wiederaufbruchs – organisiert von der neu gegründeten Deutsche Messe AG. Die Idee war pragmatisch: persönliche Begegnungen schaffen, Produkte anfassen, Vertrauen wie ein Safe Casino zurückgewinnen. Was damals in einer unbeschädigten Fabrikhalle südlich der Stadt begann, entwickelte sich zu einer Leitmesse für industrielle Wertschöpfung – von Komponenten bis zur „intelligenten Fabrik“. Genau dieser Mix – Technik praktisch zeigen, Netzwerke verdichten, Neues anfassbar machen – prägt den Standort bis heute.
Dass Hannovers Messegelände zur Bühne für solche Aufbrüche taugt, liegt auch an seiner schieren Größe. Mit hunderten Tausend Quadratmetern Hallenfläche, Dutzenden Pavillons und einem angeschlossenen Kongresszentrum zählt es zu den größten und modernsten Ausstellungsgeländen der Welt. Die Infrastruktur – Bahn, Stadtbahn, Straßen, Hotels – ist auf internationale Massen vorbereitet. Doch wichtiger ist: Hier trifft sich Jahr für Jahr, Thema für Thema, eine Industrie, die sich wandelt – von Automation über Energie bis KI.
Das Messegelände ist kein Museum
CeBIT war ein Kind dieser Haltung. Als Ausgründung der HANNOVER MESSE wurde sie in den 1980er- und 1990er-Jahren zur Bühne des Digitalbooms. Nichts anderes als ein Großlabor der IT-Gegenwart: Modems, Monitore, später Mobilfunk und Cloud – alles zum Anfassen, häufig zum ersten Mal. Als die digitale Welt immer stärker ins Netz wanderte, verlor die Messe ihren Kern und wurde 2018 eingestellt. Das Ende war konsequent, aber nicht das Ende des Experiments. Hannover bewies damit, dass man auch loslassen muss, wenn Form und Inhalt nicht mehr zusammenpassen. Mut zur Veränderung gehört zur DNA des Ortes.
EXPO 2000
Das Motto „Mensch – Natur – Technik“ passte perfekt zu einer Stadt, die Technik nie losgelöst von Gesellschaft denkt. Besucherzahlen und Budget blieben hinter Erwartungen zurück, doch die Weltausstellung setzte Impulse – von nachhaltigen Baustoffen bis zu Mobilitätsideen – und brachte der Region dauerhafte Infrastruktur-Upgrades. Auch das gehört zu Hannover: nicht nur der kurzfristige Effekt, sondern der lange Atem.
Wissenschaftslandschaft
Wer verstehen will, warum hier so viel ausprobiert wird, muss auf die Wissenslandschaft schauen. Die Leibniz Universität Hannover entstand 1831 als höhere Gewerbeschule – also als bewusst praxisnahe Gründung. Später zog sie ins Welfenschloss, heute gehört sie zur TU9-Allianz. Der Ursprung ist Programm: Ingenieur- und Naturwissenschaften, die Dinge bauen, testen und verbessern. Aus dieser Tradition speisen sich Kooperationen mit Industrie und Forschungseinrichtungen, die in der Stadt sichtbar sind – vom Windkanal bis zum Robotik-Labor.
Innovation in Hannover: Nicht nur im Labor
Das Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Werk in Hannover-Stöcken ist seit den 1950er-Jahren ein industrielles Rückgrat der Region – vom T1 „Bulli“ bis zu heutigen Plattformen. Es ist zugleich Sitz der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge. Wer über Fertigungstiefe, Ausbildungswege, Automatisierung und neue Antriebe sprechen will, findet hier reale Produktionswelten – inklusive der Frage, wie man Traditionsprodukte in die elektrische Zukunft führt. Industrie als Experiment in Echtzeit.
Kultur
Auch kulturell passt das Bild. Hannover liebt das Konkrete: gute ÖPNV-Anbindung, verlässliche Abläufe, kurze Wege – all das macht Experimente einfacher. Denn wer Neues probiert, braucht Puffer und Planbarkeit. Die Stadt ist groß genug für Weltniveau, klein genug für kurze Entscheidungswege. Das ist keine Romantik, sondern ein Standortvorteil.
Hinzu kommt die Ausstrahlung der Messen selbst. HANNOVER MESSE ist längst mehr als eine Produktshow. Sie ist ein Taktgeber für Themen wie Energieeffizienz, Wasserstoff, industrielle Software. Wer hier aufbaut, will nicht nur verkaufen, sondern Position beziehen: Welche Standards brauchen wir? Welche Schnittstellen funktionieren? Welche Verantwortung trägt Industrie für Nachhaltigkeit? Die Messe zwingt zur Konkretion – und genau das macht Innovation belastbar.
Natürlich läuft nicht alles glatt. Märkte verschieben sich, Lieferketten reißen, Geschäftsmodelle kippen. Doch gerade dann zeigt sich der Unterschied: Hannover kann umbauen. Eine Messe wird neu kuratiert. Ein Werk rüstet um. Eine Hochschule startet eine gemeinsame Graduiertenschule mit der Industrie. Das Muster ist immer gleich: lernen, anpassen, weitermachen.
Hannover ist kein Ort der großen Gesten. Die Stadt ist ein Ort der machbaren Zukunft.